Angst statt Freiheit 

Am Samstag brachte ich ein paar leere Flaschen zum dafür bereitgestellten Altglascontainer.

Man muss dazu wissen, ich lebe in Berns Altstadt, im Weltkulturerbe.
Der Flaschencontainer gehört natürlich nicht zum Weltkulturerbe, daher muss ich dafür auch ein paar Schritte laufen, eine Treppe hinuntergehen und mehrere Gassen überqueren.

An dem Treppenabsatz kurz vor einem der ältesten Brunnen Berns staunte ich nicht schlecht über die Ansammlung von Polizisten in Kampfmontur. Mit bestem Blick auf den Flaschencontainer.

„Naja“, dachte ich mir, „die checken bestimmt, ob ich meine Flaschen auch zum richtigen Zeitpunkt wegwerfe, und nicht etwa ausserhalb der gestatteten Uhrzeiten“. Aber eigentlich gibt es dazu das hiesige Äquivalent des Ordnungsamtes, in Zivil. Der kann dich denn auch schon mal bei Flaschenabwurf zur falschen Zeit büssen (lassen). Kostet dann halt ein paar Fränkli.

Tatsächlich haben die sich auch nicht die Bohne für meinen Glasmüll interessiert. Unten am Container angekommen, bemerkte ich eine weitere Gruppe Polizisten vor der Kirche, auch in Kampfanzügen.

„Komisch, was schützen die denn hier eigentlich?“ Um es kurz zu machen, ich habe nicht gefragt.
Zu unheimlich dünkte mir die Ansammlung und Präsentation brachialer Staatsgewalt. Ich fühle mich nie so recht sicher, wenn ich Polizei in Riot-Gear sehe.
Könnt‘ ja was passieren.

Heute habe ich dann in der Zeitung gelesen, warum eigentlich die gesamte Innenstadt der Hauptstadt der freiheitsliebenden Schweiz, also das gesamte Weltkulturerbe von Bern, von Staatsdienern in Vollrüstung geprägt war.
Warum an jeder Bücke, in den Haupt- und Nebengassen, im Bahnhof und eben auch am Parkhaus, der Kirche und der Altglasentsorgungsstelle deutlich wehrhafte Präsenz gezeigt wird.

Es gab ein Familienfest.

Auf dem Bundesplatz.

Mit mehreren Tausend Personen.

Ca. 500 Meter Luftlinie von meinem Zuhause (und ca. 750 Meter von besagtem Flaschencontainer).

Eigentlich war das ganze auch ein Wahlanlass, und kein Familienfest.

Von der SVP.

Das sind die mit den lustigen Plakaten zum Thema Minarett oder Masseneinwanderung.

Also die, die die Ängste in den unbescholtenen Schweizern schüren und damit sehr erfolgreich auf

Stimmenfang gehen.

Und die, die die traditionellen Werte der Familie in der Schweiz bewahren wollen.

KKK – Kinder, Küche, Kirche

Die, die dafür kritisiert werden, sämtliche Bosnier als Schwerverbrecher darzustellen (Die Kritik daran kommt übrigens von der Kirche).

Und die, die Plakate im gesamten Stadtbild aufhängen, die in ihrer Bildsprache allzusehr an Splitterparteien in Nachbarländern erinnern.

Also die jedenfalls, die fatalerweise auch noch ca. 30% Rückhalt in der Bevölkerung haben weil – siehe oben – Ängste vor Unbekanntem leicht hervorzurufen sind.

Und die schaffen es, den Polizeipräsidenten zu Bern genug in Schweiß zu bringen, als dass er etwa 1000 Beamte aufbietet, dazu Einsatzwagen, Hubschrauber, die zum Familienfest über dem Bundesplatz stehen, Wasserwerfer, Scharfschützen auf den Dächern – Moment, das war übertrieben.
Ich kann nur von Feldstechern reden, nicht von Gewehren.

Die Teilnehmer des Familienfestes marschieren denn auch durch die Schauplatzgasse gen Bundesplatz, der völig abgesperrt ist. Um in das tümelige Treiben hineinzukommen, muss man sich eventuell vorher ausgewiesen haben, Taschen und Rucksäcke werden auch schon mal inspiziert.
Von der Polizei.
Aber das war nur die erste Hürde.

Die SVP hat nämlich keine Kosten und Mühen gescheut und zusätzlich zu den etwa 1000 Beamten den privaten Sicherheitsdienst „Broncos“ – der Name ist Programm – mit der Kontrolle der Besucher beauftragt.
Damit nur linientreue Familienmitglieder als Jubelperser den Herren Blocher, Brunner, Maurer lauschen können.
Eine Unruhestifter ist wohl durchgerutscht, er präsentiert bei der Rede von Herrn Brunner ein Plakat mit der Aufschrift „Halt’s Maul, Schweiz!“ – wird dann auch sorgsam von den Broncos entfernt und der Polizei übergeben.

Warum eigentlich? Weil er seine Meinung auf dem Bundesplatz kundgetan hat und das der Mehrzahl der Anwesenden nicht schmeckte?

Ist das wirklich die Freiheit, die die Eidgenossen damals meinten?

Oder ist es die Angst, die regiert?
Die Angst vor dem Fremden, vor Wandel, vor Fortschritt?

Im Verlaufe des Tages wurden im gesamten Innenstadtbereich 55 Personen festgenommen und auf die Wache gebracht. Bei einigen wurden Messer gefunden, bei anderen Spraydosen, auch Reizstoffe.

Gleichzeitig wird in der Hauptstadt des großen nördlichen Kantons, in Berlin, eine Demonstration zum Thema „Freiheit statt Angst“ durchgeführt.

Hier in Bern war es leider „Angst statt Freiheit“.

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